Mahl

Leonardo da Vinci letztes Abendmahl (Gemeinfrei)

Es war ein besonderer Abend: Jesus saß in einem Gemach mit seinen Jüngern. Vor ihnen das Passahlamm. Um sie herum Jerusalem. Die Stadt Davids, die jetzt eine Stadt Roms geworden war. Das römische Weltreich. Soldaten. Eine Bedrohung und noch dazu: in den vergangenen Jahrhunderten unbezwungen. Die Leute waren sich bewusst: wir sind nicht frei, auch wenn wir nicht im Gefängnis sitzen. Eine fremde Macht hat ihre Stellungen in unserer Stadt aufgebaut.

Ich frage mich, was die Jünger dachten. Nach dem Einzug. Jesus wirkt in den Evangelienberichten zumindest nachdenklich, wenn nicht sogar traurig. Er weiß was ihm bevorsteht. Für die Jünger ist die Zukunft unklar, ungewiss. Es hat etwas Geheimes und dennoch vertrautes. Wie fühlt es sich wohl an das Fest der Befreiung aus Ägypten zu feiern, wenn man unter Fremdherrschaft lebt. Wenn man jeden Tag römische Soldaten mit ihren beschlagenen Schuhen auf dem Pflaster von Jerusalem marschieren hört. Sie essen Schweine. Ganz anders das Lamm von dem Befreiungsfest. Kann man das noch glauben nach fast 2 Jahrhunderten Besatzung? “Gott hat uns aus Ägyptenland gerettet, er wird auch jetzt wieder eingreifen, er wird retten!” Wie kann man daran festhalten?

Die Jünger halten ihren Bissen Brot in der Hand, sie essen gemeinsam. Jesus deutet das Passamahl um und spricht von seinem Blut und seinem Körper. Ich glaube nicht, dass sie verstehen. Aber sie ahnen. Ich glaube, dass das Jünger ausmacht: sie ahnen und arbeiten mit ihrer Ahnung. Etwas großes passiert hier. In der besetzten Stadt, mitten in einem Raum im Jerusalem. Der stille König beginnt sein Befreiungswerk. Und es wird anders sein als die Aufrührer und Rebellen vor ihm. Er wird nicht weniger tun als die Welt befreien, den Weg zum Vater öffnen. Gott wird wirklich befreien, aber anders als geplant.

Der Bissen, die Ahnung, der Abend. Das Mahl. Alles fliesst ineinander in dieser Nacht und verschwimmt in der Dunkelheit von Getsemaneh. Jesus weiß. Er geht einen Weg, den er nicht gehen wollte, aber musste.

Wenn ich an dieses Mahl denke, dann fallen mir viele Gespräche ein. Mit Menschen, die nicht frei sind. Die sich sehnen und suchen. Vielleicht mancher, der in dieser Pandemie denkt: ich will frei werden. Ich will frei sein. Es ist doch nicht lange her, dass wir frei waren. Wir wollen nicht unter der Herrschaft eines Virus stehen. Wir wünschen uns, dass uns jemand hilft und befreit. Wir sind müde geworden. Die Botschaft dieses Abendmahls lautet: Gott rettet. Gott hört. Gott ist wach. Gott hilft. Es gibt ein “aber”. Aber zu seiner Zeit. Auf seine Weise, mit seinen Mitteln und in seiner (Ohn-) Macht. Morgen ist Karfreitag.