„Nichts wird wieder wie es war und genau da liegt die Chance.“

Es gibt besondere Momente im Leben von Menschen. Meilensteine der persönlichen Biographie. Geburt, Hochzeit, Abschiednehmen – Zeiten des Übergangs. Wir leben – wie schon oft zitiert – als Gesellschaft wieder in einer solchen Zeit des Übergangs, der Veränderung. Das betrifft uns als CVJM-Bewegung weltweit wie in jedem einzelnen Verein vor Ort. Ja, es betrifft uns. Etwas anderes zu sagen oder den Kopf in den Sand zu stecken ist in solchen Zeiten fahrlässig und unverantwortlich. Hören wir gut zu, was Hansjörg Kopp, Generalsekretär des CVJM Deutschland zu sagen hat:

Es wäre ein Fehler, würden wir versuchen, CVJM wieder so zu gestalten wie er vor März 2020 war. Bitte nicht.

Hansjörg Kopp, Generalsekretär des CVJM deutschland

Bitte nicht. Es klingt nach wenig und zaghaft. Bitte nicht. Wir sollten es aber sehr ernst nehmen als CVJM jedweder Ausprägung. CVJM sind keine eigene Gesellschaft, die mit allem rundherum nichts zu tun hat: CVJM sind Teil dieser Welt und damit eng verbunden mit den Orten, den Städten, dem Land in dem wir wohnen. „Suchet der Umgebung Bestes“ zitiere ich Jeremia 29 mal etwas angepasst. Damit muss sich ein CVJM auseinander setzen. Und diese Umgebung ist im Wandel, seit Jahren schon, aber eben jetzt bedingt durch COVID-19 nochmal schneller.

Und: die CVJM Bewegung in Deutschland ist nicht Kirche an sich und doch vielerorts in die Jugendarbeit der Kirchen, die Arbeit von Gemeinden eingebunden. Viele CVJM erhalten finanzielle Unterstützungen seitens der Kirche. Eine Veränderung im Bereich der Kirchen, Mitgliederzahlen, Konfirmandenarbeit, Zusammenlegung von Kirchenbezirken, finanzielle Ressourcen, wird unweigerlich Auswirkungen auf die CVJM haben. Und neue Chancen beinhalten. Dazu wird es unten mehr zu lesen geben.

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Albert Einstein

Albert Einstein sagt es nicht so fein wie Hansjörg Kopp. Wahnsinn? Wahnsinn! Es ist Wahnsinn das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das ist eine große Herausforderung. Ich glaube die CVJM können dieser Herausforderung nur begegnen, wenn sie wieder entdecken wofür sie stehen und warum sie entstanden sind. Die CVJM stecken leider oft in der Institutionshaltung „Strukturen, um der Strukturen willen“ und „das haben wir schon immer so gemacht“ fest – die beste (und lustigste) Analyse dieser Tatsache ist vielleicht das Theaterstück der BundessekretärInnen der BMT auf Borkum 2019 ich kann sie jedem nur Empfehlen anzuschauen. Warum gibt es CVJM? Was ist das überhaupt? Diese Frage muss eine Bewegung immer wieder beantworten, neu formulieren, manchmal darum ringen. Jetzt ist eine solche Zeit.

Die Zeit in der wir leben erfordert ein anderes Denken, ein Einlassen, ein Entdecken und Ausprobieren. Ein anderes Denken anprobieren, damit wir anfangen können anders zu handeln. Und: es wird andere Ergebnisse hervorbringen, hervorbringen müssen. Ich bin ganz ehrlich: das wird auch mit Abschied nehmen zu tun haben, Abschied von vielem, was „wir immer so gemacht haben“. Und ja: das schmerzt. Aber wie das Wort „CVJM Bewegung“ sagt: CVJM ist keine Institution, sondern hat mit Bewegung zu tun. Gott ist ja auch kein immobiler, unbeweglicher Gott, sondern ein Gott, der in Bewegung ist, zu den Menschen. Das sollte uns anspornen und motivieren es ihm gleich zu tun – in Bewegung und damit Bewegung, zu sein. Die Ereignisse um COVID-19 haben uns gezeigt: CVJM kann digital. Und ob wir es gut finden oder nicht: wir sind herausgefordert digital zu bleiben.

Nachdem ich den hervorragenden Artikel von Tobias Faix (Professor an der CVJM-Hochschule) gelesen habe erlaube ich mir seine 10 Thesen hier zu zitieren und mit einer Frage zu verbinden: Was bedeuten diese Thesen für die Zukunft der CVJM-Bewegung? These 10 mag ich aber bereits jetzt schon übernehmen: Die Zukunft der CVJM Bewegung ist hybrid – digitale wie analoge Ausdrucksformen von CVJM Arbeit werden in großer Selbstverständlichkeit nebeneinander stehen und bedingt durch die COVID-19 Pandemie geschieht das ja auch an vielen Orten.

Zehn Thesen von Tobias Faix und Fragen zur Zukunftsdiskussion der (digitalen) Kirche:

  1. Den Mut feiern. Es ist mehr möglich als gedacht, jetzt ist es an der Zeit, diese Möglichkeiten zu reflektieren und das Gute zu systematisieren und für alle zugänglich zu machen. Nicht jede Kirchgemeinde muss ihre digitale Kirche neu erfinden. Wer organisiert und wo sind öffentliche Plattformen?
  2. Den digitalen Burnout vermeiden. Digitalisierung ist ein Marathon und kein Coronasprint. Es gilt Strukturen zu legen und Ressourcen zu sammeln, um digitale Kirche als einen Teil von Kirche rechtlich (auch Arbeitsrechtlich) und finanziell zu legitimieren.
  3. Digitale Kirche ist kein Hobby von Kirchennerds oder hippen Pfarrerinnen! Schulungen für Ehren- und Hauptamtliche gehören genauso dazu wie die Entdeckung und Würdigung der Menschen, die Teil von Kirche sind, aber bisher nicht gesehen wurden. Digitale Kirche ist kein Zusatz, sondern ein wichtiger und wesentlicher Teil von kirchlicher Arbeit.
  4. Es braucht eine Qualitätsdiskussion zu digitaler Kirche genauso wie zu analogen Gottesdienten. Eine Zeit des Umbruchs ist immer auch eine Zeit, um über das, was gerade stattfindet nachzudenken und zu reflektieren, was verbessert und geändert werden sollte. Dabei geht es auch um die Qualität spiritueller Inhalte im Gottesdienst und den Möglichkeiten der eigenen Gottesbegegnung.
  5. Kirche ist mehr als Gottesdienste und digitale Kirche mehr als Livestreams. Onlinegottesdienste allein greifen zu kurz, denn vom Kirchenrecht bis zur Diakonie sind alle Bereiche der Kirche involviert.
  6. Identitymarker der digitalen Kirche: Zugehörigkeit und Teilhabe als einfache digitale Zugänge sind wichtige Beiträge zu zentralen Zukunftsthemen der Kirche. Hier kann die digitale Kirche wesentliche Impulse zu den aktuellen Diskussionen wie Mitgliedschaft oder Teilhabe beitragen.
  7. Kommunikation des Evangeliums: Sprachfähig sein, im Netz und analog, ist die Voraussetzung, um gesprächsfähig zu sein. Denn digitale Kirche ist ein Dialog, in dem nicht nur das Senden von Nachrichten entscheidend ist, sondern auch das Verstanden werden und Verstehen anderer Nachrichten.
  8. Digitalisierung ist auch eine Sternstunde des Ehrenamts. Ad fontes, oder um es mit Luther zu sagen: Das Priestertum aller Gläubigen. Kirche ist zu hierarchisch und zu klerikal geworden – digitale Kirche kann helfen, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Denn Digitalisierung ist vor allem eine Basisbewegung. Dazu braucht es neben digitalen Angeboten auch innovative neue analoge Formen von Kirche. Corona hat gezeigt, dass der Umgang und Gebrauch von digitalen Angeboten im Alltag der Menschen angekommen ist.
  9. Was ist der kirchliche Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion rund um das Thema Digitalisierung? Neben dem Nutzen und Gebrauch ist die Kirche besonders in der Frage der Netzethik gefragt. Eine evangelische Ethik, die in der Spannung zwischen Freiheit und Verantwortung steht, kann wichtige Impulse in den vielen schwierigen Herausforderungen geben, denn viele Fragen wie bspw. zur Datensicherung oder Netzneutralität sind immer noch nicht geklärt.
  10. Die Zukunft der Kirche ist hybrid! Bei allem momentanen Hype um die Thematik Digitalisierung und Kirche, geht es in der Zukunft um eine Selbstverständlichkeit für beides, der einen Kirche mit unterschiedlichen analogen und digitalen Ausdrucksformen.